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ICE2ICE – die Jagd nach dem Weltrekord

|Simplon Riders

In weniger als 100 Tagen mit einem Simplon Pride von Alaska nach Patagonien. Michael Strasser im exklusiven Interview über das Projekt ICE2ICE …

ICE2ICE: mit einem Pride von Alaska nach Patagonien

Der heißeste Tag: +51 Grad Celsius. Windspitzen mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde. Längste Grenzwartezeit: fünfzehn Stunden. Auf dem Weg von Alaska nach Patagonien musste Michael Strasser auf seinem Simplon Pride einige Strapazen auf sich nehmen. Das Ziel hatte er jedoch immer fest vor Augen: den Weltrekord des Briten Dean Stott zu brechen. 

Und Michael Strasser hat es geschafft: In 84 Tagen, 11 Stunden und 50 Minuten überwand er auf seinem Bike die Wahnsinns-Distanz von 22.624 Kilometern und 169.738 Höhenmetern. Sein Weltrekord „ICE2ICE“ ist nun vom Guinness Buch der Rekorde anerkannt worden.

Im Interview erzählt uns Michael Strasser Details über die Vorbereitung, die Rückschläge und die positiven Erfahrungen auf dem Weg zum Weltrekord.

Planung und Vorbereitung sind das A & O.

Du schreibst, dass du dich zwei Jahre auf ICE2ICE vorbereitet hast. Wie plant man ein so großes Projekt?
Die Projektentwicklung an sich habe ich dieses Mal komplett unterschätzt. Zwei Jahre habe ich neben dem normalen Trainingsalltag meine ganze Energie in die Organisation gesteckt. Hätte mich meine Freundin Kerstin nicht Vollzeit unterstützt, wäre es 2018 nicht machbar gewesen. Denn die Durchführung ist auf ein klimatisch bedingtes Zeitfenster beschränkt ....

Wie sah die mentale Vorbereitung aus?
Ich bin ja 2016 schon durch Afrika gefahren. Dadurch wusste ich bereits, wie verdammt hart es wohl werden würde. Ich habe mir jedoch eine Taktik zurechtgelegt: Ich teile jedes Projekt in kleinere, greifbarere Einzelteile. Ich fahre von den ersten 100 Kilometern zu den nächsten 100 Kilometern. Und ich reife an meinen Projekten. Vor Afrika konnte ich es mir nicht vorstellen, 35 Tage und 11.000 Kilometer auf dem Rad zu fahren. Aber es ging dann doch irgendwie …
Auf die mentale Leistungsfähigkeit bin ich aber um ein Vielfaches stolzer, als auf die rein körperliche. Es gibt viele physisch sehr leistungsfähige Radfahrer. Ich unterscheide mich vermutlich in der Aufopferungsgabe und der Bereitschaft, mich über lange Zeit „zerstören“ zu wollen.

Auf dem Weg zum Weltrekord

Musstest du auf deinem Weg auch Rückschläge einstecken?
Ach, da gibt’s viele! Ich bin halt ein fast schon krankhafter Optimierer. Das einzig Wichtige ist aber, dass man immer wieder aufsteigt und einfach weitermacht. Auch wenn man in der Situation keinen Sinn erkennt. Wenn man zum Beispiel in Peru 3.000 Kilometer lang Gegenwind hat – und das mit einer Stärke von 50 Kilometern pro Stunde. Bei uns würde da keiner mehr Rad fahren …

Gab es Situationen auf der Reise, die richtig brenzlig waren? 
Die wirklich gefährlichen Situationen passieren immer im Straßenverkehr: In Mexiko wäre ich um einen Wimpernschlag fast von einem LKW überrollt worden. Nur ein Sprung in den Graben hat mir das Leben gerettet. Ich hatte tagelang damit zu kämpfen und hatte große Angst in der Nacht zu fahren. Scheinbar sollte mein Leben noch nicht enden, deshalb versuchte ich diese schreckliche Erfahrung zu verdrängen.

Wie schaut der Ernährungsplan während eines so kräftezehrenden Projektes aus? 
Oft lasse ich mir hochkalorische Sportriegel im Mixer mit Wasser oder Mandelmilch vermengen. So kann ich während dem Fahren essen, ohne mich zu sehr anstrengen zu müssen.

Hattest du das Gefühl, perfekt auf den Weltrekord vorbereitet zu sein – mental und sportlich?
Perfekt läuft’s nie, aber ich war nie lange verletzt oder krank. Diese Projekte steht man nur durch, wenn man viele Jahre kontinuierlich gut trainiert hat. Ich liebe „Block-Training“. Im Winter mache ich viel auf Tourenskiern, zum Beispiel „Everesting“-Challenges. Da versucht man 8.848 Höhenmeter am Stück zu machen (10 Mal den gleichen Berg rauf und runter) und dann am Rad. Aber mehr als 300 Kilometer am Tag beziehungsweise 1.000 Kilometer in der Woche habe ich in der Vorbereitung auch nie gemacht. 

Man kann immer nur an seinen Schwächen arbeiten, oder auch Stärken suchen und diese ausbauen. Ich präferiere eher Zweiteres.
-Michael Strasser-

Das „Equipment“

Du hast mit einem Simplon die Reise angetreten und auch beendet. Das Rad war stets ein treuer Begleiter. Auf welches Rad von Simplon hast du dabei gesetzt und warum?
Das Reglement von Guinness World Rekords verbietet den Wechsel des Fahrrades, ich musste mich also für ein Rad entscheiden. Ich wusste aber auch, dass die ersten 800 Kilometer in Alaska auf einer Schotterpiste zu bewältigen sind. Weiters wusste ich aber von den vielen Gegenwindpassagen Südamerikas – Aerodynamik war mir daher sehr wichtig. Ich habe im Vorfeld ein paar Modelle getestet. Das Pride hat mich vom ersten Meter an motiviert und überzeugt – ein Rad, mit dem man einfach nicht langsam fahren kann. Das Pride strebt immer voran. 

Wie würdest du das Pride charakterisieren?
Antriebsschnell, aerodynamisch, etwas stur (aber das ist auch meine beste und schlechteste Eigenschaft), haltbar ... und nicht zu unterschätzen: Ich finde es einfach hübsch! 

Strasser im Charakter-Check

Wie würdest du dich selbst in fünf Worten beschreiben? 
Authentisch, zielstrebig, stur (meine beste und schlechteste Eigenschaft), reflektiert und bodenständig.

Du bist ein sehr zielstrebiger Typ. Steht dir diese Charaktereigenschaft auch manchmal im Weg? 
Man sollte nie die gesunde Basis verlieren, sollte sich immer selbst kritisch hinterfragen und authentisch bleiben. Ich verstelle mich nie, für niemanden.

Was können sich andere Sportler von dir abschauen?
Man kann immer nur an seinen Schwächen arbeiten, oder auch Stärken suchen und diese ausbauen. Ich präferiere eher Zweiteres. 

„Racing 4 Charity“-Spendenaktion

Das Projekt ICE2ICE wurde mit der Spendenaktion „Racing 4 Charity“ verknüpft – wie wurde die Aktion aufgenommen?
Die Aktion war ein voller Erfolg! Ich wollte für jeden gefahrenen Kilometer einen Euro  für die Charity spenden – das hätte 23.000 Euro bedeutet. Am Ende sind mehr als 50.000 Euro zusammengekommen. Zusätzlich hat mir mein Engagement den Titel „Sportler mit Herz des Jahres 2018“ eingebracht. Eine schöne Anerkennung für meinen Einsatz und den des gesamten Teams. 

Last but not least

Was würdest du einem Rennrad-Sportler raten, der sich auf ein ähnliches Unterfangen einlassen möchte?
Mach es erst, wenn du bereit bist, auch vieles zu opfern und alles auf eine Karte zu setzen. Keiner sieht die vielen Stunden Training im Winter, bei Regen, bei schlechtem Wetter. Man sieht immer nur die Spitze des Eisberges, aber darunter liegt ein noch viel größerer Brocken an Arbeit.

Viele Jahre Kontinuität im Training! Ich habe jetzt zwölf Jahre sehr viel am Rad „gearbeitet“ und mein Leben komplett umgestellt. Ich habe meinen Job als Architekt ruhen lassen, um mich ganz dem Training und auch der Regeneration zu widmen. Das muss man sich bewusst machen. 

ICE2ICE – die Hardfacts:

  • kältester Tag: –4 °C in Patagonien (Südargentinien) 
  • heißester Tag: +51 °C in Texas (USA)
  • kürzester Tag: 170 km in Peru bei 50 km/h Gegenwind (Sturm)
  • längster Tag: 461 km (Tag der Zielankunft in Ushuaia)
  • höchste Durchschnittsgeschwindigkeit/Tag: 31,7 km/h auf 403 km 
  • niedrigste Durchschnittsgeschwindigkeit/Tag: 18,9 km auf 345 km
  • max. Höhenmeter pro Tag: 5.300 m
  • max. Höhe: 3.863 m
  • max. Trinkmenge/Tag: 8,5 l
  • min. Trinkmenge/Tag: 1,5 l (im Dauerregen - führte zu einer Dehydrierung)
  • Kalorienzufuhr: ca. 4.500 kcal
  • Windspitzen: bis zu 100 km/h
  • geringste Grenzwartezeit: 15 min
  • längste Grenzwartezeit: 15 h
  • die meisten überquerten Grenzen in einer Woche: 5 (in Mittelamerika)
  • Highspeed auf Schotter: 83 km/h
  • Highspeed auf Asphalt: 94 km/h