BIS AN DIE GRENZE: 7000 KM WINTER BIKEPACKING VON ZÜRICH NACH KIRGISISTAN

|Simplon Riders

Mit Ski im Gepäck startet Simon zu Beginn des Winters mit dem Gravelbike von Zürich Richtung Kirgisistan. Ein außergewöhnliches Winter-Bikepacking-Abenteuer über tausende Kilometer durch Kälte, weite Landschaften und abgelegene Regionen. Im Interview erzählt er, wie die Idee entstanden ist und berichtet von Herausforderungen und besonderen Momenten unterwegs.

Wie ist die Idee entstanden, mit Ski im Gepäck im Winter bis nach Kirgisistan zu fahren?

Der erste Funke kam schon vor ein paar Jahren. Ich habe Bilder vom Freeriden in Kirgisistan gesehen und war sofort fasziniert von der Landschaft. Kurz darauf bin ich auch auf das Silk Road Mountain Race gestoßen. Damit war Kirgisistan für mich plötzlich mit zwei Dingen verbunden, die mich reizen: Ski und Velo (Bike).

Die Idee wollte ich zuerst gemeinsam mit einem Freund umsetzen. Der Plan war simpel: Bike & Ski in Kirgisistan. Fliegen kam für ihn allerdings nicht infrage. Also haben wir ein anderes Abenteuer daraus gemacht und sind mit dem Zug nach Norwegen gereist, die Velos natürlich im Gepäck. In 50 Tagen haben wir Norwegen von Süd nach Nord durchquert, rund 3000 Kilometer und 43 Nächte davon im Zelt geschlafen. Dabei habe ich gemerkt, wie gut sich Velo und Ski kombinieren lassen und wie viel auch im Winter möglich ist.

Zurück in Zürich, wieder im Alltag, kam mir Kirgisistan erneut in den Kopf. Die Idee hat mich einfach nicht losgelassen. Wenn Norwegen funktioniert hat, warum nicht noch weiter gehen? So entstand der Plan, im Winter mit dem Velo rund 7000 Kilometer von Zürich bis nach Kirgisistan zu fahren.

Mehr zur Norwegen-Reise findest du hier.

Mehrere Monate unterwegs, viel Gepäck, lange Etappen und Temperaturen weit unter null Grad. Warum war das GRID für diese Reise die richtige Wahl?

Über mehrere Wochen war ich konstant bei Temperaturen von minus zehn Grad und kälter unterwegs und habe praktisch den gesamten Alltag draussen verbracht. Schlafen, kochen und Velo fahren, im Winter kommt dabei einiges an Ausrüstung zusammen. Warme Kleidung, Winter Camping Ausrüstung, Kocher, Kamera, Reparaturmaterial und natürlich die komplette Skiausrüstung mit Schuhen, Lawinenschaufel, Sonde und LVS. Mit Wasser und Verpflegung lag das Gesamtgewicht je nach Abschnitt bei bis zu 55 Kilo.

Trotzdem wollte ich effizient unterwegs sein und auch längere Distanzen gut fahren können. Genau hier hat das GRID perfekt gepasst. Stabil genug für viel Gepäck, gleichzeitig leicht und schnell. Das Velo selbst machte nur einen kleinen Teil des Gesamtgewichts aus und genau diese Kombination war entscheidend.

Die längste Tagesetappe lag bei 301 Kilometern, trotz des vielen Gepäcks. Ein leichtes Gravelbike so zu beladen, dass es sich weiterhin stabil und kontrolliert fährt, ist technisch anspruchsvoll. Umso beeindruckender war für mich, wie ruhig und zuverlässig sich das GRID auch mit viel Gewicht gefahren ist. Selbst freihändig fahren war noch möglich, was bei dieser Belastung alles andere als selbstverständlich ist.

Gab es unterwegs einen Moment, der dir besonders in Erinnerung bleiben wird?

Es gab unglaublich viele besondere Momente, aber einer sticht für mich heraus, gerade wegen des krassen Kontrasts. In der Türkei hatte ich einen schweren Velounfall und war mit einem Nackentrauma längere Zeit im Spital. Danach konnte ich teilweise nicht einmal fünf Minuten spazieren gehen. In so einer Situation weiter an dieses Projekt zu glauben, ist schon speziell. Da hinterfragt man vieles und sucht nach Gründen, warum man das überhaupt macht.

Und dann, gut einen Monat später, sitze ich wieder auf dem Velo und fahre 300 Kilometer an einem Tag durch die Wüste in Usbekistan. Das war komplett surreal. Ich bin davor zwar schon mehrmals Tagesetappen von über 200 Kilometern gefahren, aber 300 Kilometer, mit voller Ausrüstung und als Teil einer Reise, auf der ich auch an den Tagen davor und danach jeweils über 100 Kilometer fuhr, waren noch einmal eine andere Dimension. Zwölf Stunden auf dem Velo, kaum Pausen, einfach konstant unterwegs. Teilweise konnte ich selbst kaum glauben, was da gerade passiert.

Ich war mit Spikereifen unterwegs, hatte Ski am Velo, mehrere Liter Wasser und Verpflegung für zwei Tage dabei. Temperaturen knapp über null Grad, mitten in einer Sandwüste. Meine größte Sorge war, dass mir das Wasser einfriert und ich es erst wieder schmelzen muss. Und trotzdem fährst du einfach weiter, pushst dich, vertraust darauf, dass alles funktioniert.

Ein Moment ist mir besonders geblieben. Nach rund 150 Kilometern tauchten plötzlich ein paar Leute neben der Straße auf. Ich bin erst vorbeigefahren und habe ihnen im Vorbeifahren ein High Five gegeben, bis mir klar wurde, dass sie auf mich gewartet haben. Sie hatten eine Wasserflasche für mich bereit. Mitten im Nirgendwo, nur Sand, Himmel und Straße. Ich habe sofort angehalten und kurz mit ihnen gesprochen. Diese Begegnung, genau an so einem Ort und in so einer Situation, war einfach unvorstellbar.

Welche Situation hat dich auf den rund 7000 Kilometern am meisten gefordert?

Sobald es unter minus 20 Grad geht, wird es richtig hart. Man unterschätzt das leicht, weil man Temperaturen oft als lineare Skala sieht. Minus 15 klingt nach nur zehn Grad kälter als minus fünf. Aber bei minus 26 fühlt sich das komplett anders an. Ein Tiefkühlfach liegt bei etwa minus 16 Grad. Und ich war bei minus 26 bis zu neun Stunden am Stück auf dem Velo unterwegs. In Kasachstan war das besonders extrem. Ich hatte eine Atemmaske dabei, die nur dafür da war, die Luft zu befeuchten. Meine Ausatmung ist darin gefroren, ich habe jeden Tag etwa ein halbes Kilo Eis produziert. Ohne diese Maske hätte ich das so nicht durchgestanden.

Auch Essen und Trinken werden bei solchen Temperaturen zur Herausforderung. In diesen neun Stunden habe ich einmal etwas gegessen und getrunken, den Rest der Zeit habe ich mehr oder weniger gefastet und davon geträumt, was ich gerne mal wieder essen würde. Gleichzeitig ist die Landschaft so speziell und eindrücklich, dass man vieles um sich herum fast vergisst. Kälte, Hunger, Durst. Es fühlt sich teilweise an, als wäre man auf einem anderen Planeten.

Wie hast du dich auf das Winter Camping bei Minusgraden vorbereitet und was hat dir unterwegs am meisten geholfen?

Die Erfahrung aus Norwegen hat mir schon viel geholfen. Dort habe ich gelernt, wie man bei solchen Temperaturen überhaupt funktioniert. Und wie so oft lernt man vor allem aus Fehlern. Irgendwann hat man fast alles einmal falsch gemacht und ist beim nächsten Mal entsprechend vorsichtiger.

Eine Situation ist mir besonders geblieben. Ich bin an einem sehr kalten Tag über ein kurzes, nasses Stück Straße gefahren. Ein LKW hatte dort Wasser verloren, das noch nicht gefroren war. Kurz danach habe ich eine Mittagspause gemacht. Als ich wieder losfahren wollte, war mein Vorderrad komplett eingefroren. Kugellager, Speichen, Reifen und Schutzblech, alles war fest. Ich konnte das Rad selbst mit viel Kraft nicht mehr bewegen. Kaputt machen wollte ich es natürlich auch nicht, also musste ich den Tag vorzeitig beenden. In einem Haus konnte ich das Velo dann auftauen und über Nacht trocknen.

Dabei habe ich gelernt, dass gefrorenes Wasser oder Schnee meist kein Problem sind. Selbst Schnee in den Taschen ist unkritisch, solange alles gefroren bleibt. Die eigentliche Herausforderung sind flüssiges Wasser und Temperaturwechsel. Genau da muss man besonders aufpassen.

Nach so vielen Kilometern durch Kälte, Schotter und lange Distanzen. Worauf kommt es bei einem Bike für so ein Abenteuer am Ende wirklich an?

Am Ende muss ein Bike vor allem eines können: durchhalten. Wartung ist bei solchen Bedingungen unterwegs kaum möglich, einfach weil es oft zu kalt ist. Genau hier zeigen sich hochwertige Komponenten. Sie funktionieren zuverlässig, auch wenn man sie nicht ständig warten kann. Gerade in abgelegenen Regionen ist das entscheidend. In Usbekistan bekommst du nicht einfach irgendwo eine neue Kette oder Ersatzteile.

Ein großes Thema ist auch der Umgang mit Wasser und Kälte. Flüssiges Wasser ist die größte Herausforderung. Deshalb haben sich hydraulische Bremsen klar bewährt, weil kein Wasser in Züge eindringen und einfrieren kann. Bei der Schaltung war es ähnlich. Ich bin vorne nur ein Kettenblatt gefahren und hinten mit elektronischer Schaltung. Das war tatsächlich das einzige elektronische Gerät, das selbst bei minus 25 Grad zuverlässig funktioniert hat. Wichtig ist, in Bewegung zu bleiben und die Gänge regelmäßig durchzuschalten, damit nichts einfriert.

Und dann sind da noch die Bedingungen auf der Straße. In vielen Regionen wird im Winter nicht gestreut, die Straßen sind teilweise komplett vereist. Spikereifen sind da unverzichtbar, auch wenn sie natürlich Verschleiß haben. Gegen Ende der Reise haben sich die Spikes teilweise nach innen gearbeitet und ich hatte mehrere Platten gleichzeitig. Da musste ich improvisieren, um weiterzukommen.

Am Ende kommt es auf die Kombination aus Stabilität, Zuverlässigkeit und Effizienz an. Genau das hat für mich den Unterschied gemacht.

Mit diesem Gravelbike war Simon unterwegs

SIMPLON GRID (Rahmengröße L, 57 cm – Stack 618 mm, Reach 408 mm) 

  • Laufräder: DT Swiss G1800 Gravel-Laufradsatz mit DT Swiss Nabendynamo und DT Swiss 370 Achse 
  • Antrieb: SRAM Rival eTap AXS 12-fach (vorne 38 Zähne, hinten 10–52 Zähne) mit SRAM Rival 1 Wide (D1) Kurbelgarnitur, 175 mm 
  • Bremsen: SRAM Rival eTap AXS HRD FM hydraulische Scheibenbremsen 
  • Cockpit: SIMPLON Carbon-Lenker mit konischem Profil (42 cm Breite), SIMPLON Vorbau 90 mm (-12°), und Carbon-Sattelstütze 
  • Sattel: Selle Italia Boost X3 
  • Pedale: HT Components Nylon Pa03a Plattformpedale 
  • Reifen: Schwalbe Marathon Winter Plus 
  • Beleuchtung: Busch+Müller IQX 
  • Gepäck & Zubehör: Racktime Standit 2.0 Gepäckträger hinten

Besonderheit beim Gepäcksetup: Im Vergleich zur Norwegen-Expedition hat Simon sein Gepäcksystem deutlich optimiert. Ein Alpinrucksack fungierte als Bikepacking-Lenkertasche, ergänzt durch leichte Taschen und zahlreiche Straps. Die Skischuhe wurden direkt am Gepäckträger befestigt. Das Fahrrad selbst blieb gegenüber der Norwegen-Reise nahezu unverändert.

JETZT KONFIGURIEREN 

Empfehlungen

Gravel-E-Bike: Ein Multitalent für jeden Untergrund

Gilt Graveln mit dem E-Bike noch als Radsport? Wir zeigen dir, warum elektrisches Graveln nicht nur sportlich, sondern auch unglaublich vielseitig, abenteuerlich und überraschend herausfordernd sein kann. 

Nachgefragt: Tubeless-Reifen – ja oder nein?

Tubeless-Reifen versprechen mehr Pannensicherheit, besseren Grip und ein Plus an Fahrkomfort – aber lohnt sich der Umstieg wirklich? Alexander Steurer, SIMPLON Experte und Tubeless-Fan der ersten Stunde, erklärt die Vorteile, Herausforderungen...

BIKEPACKING EXTREM - MIT DEM GRAVELBIKE UND SKIERN DURCH NORWEGEN

Wenn Abenteuer einen Namen hätten, könnte es Simon Hiltli sein. Der Züricher Extremsportler hat Anfang März 2025 sein Gravelbike gesattelt, Ski montiert und ist für 50 Tage in den norwegischen Winter aufgebrochen. Was wie eine verrückte Idee...

Perfektes Fahrwerk-Set-up Mountainbike

Erfahre im Magazin, wie du SAG, Druck- und Zugstufe anpasst und dein Mountainbike optimal auf dich einstellst. Jetzt Anleitung zum Fahrwerk-Set-up lesen und dich in der Video-Anleitung von den Experten vom E-MTB Factory Team durch die Anpassungen...